03.06.2006
Sakrileg ist kitschig und kleinbürgerlich
Und noch eine Meldung aus idea
Kirchenhistoriker: „Sakrileg“ ist kitschig und kleinbürgerlich
B e r l i n (idea) – Repräsentanten aus Wissenschaft und Kirche haben Kritik an der Behauptung in dem Bestseller-Roman „Das Sakrileg“ von Dan Brown geübt, Jesus Christus habe mit Maria Magdalena ein Kind gezeugt. Eine Hollywood-Verfilmung läuft derzeit unter dem Titel „The Da Vinci Code – Sakrileg“ in den Kinos. Der Rektor der Berliner Humboldt-Universität und Professor für Ältere Kirchengeschichte, Christoph Markschies, sagte am 23. Mai in Berlin: „Die Vorstellung, er habe eine bürgerliche Kleinfamilie im Zelt dabeigehabt, ist kitschig.“
Der Bibel zufolge habe Jesus sehr asketisch gelebt, keinen Beruf ausgeübt und keinen festen Wohnsitz gehabt. Selbst die in den Evangelien geschilderten Feste und Gastmähler seien nur zeichenhafte Unterbrechungen dieses Lebensstils gewesen, so Markschies auf einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie zu Berlin. Im Gefolge Jesu hätten sich zweifellos auch Frauen befunden. Aber zu glauben, daß er deshalb mit ihnen auch eine sexuelle Beziehung gehabt habe, sei genauso absurd, als würde man jedem Universitätsprofessor automatisch ein Verhältnis mit seiner Sekretärin unterstellen. Laut Markschies erinnert das Buch an kleinbürgerliche Vorstellungen vom Familienleben aus dem 19. Jahrhundert. Für Wissenschaftler sei der Erfolg des Romans allerdings eine Herausforderung, eigene Bücher und Texte künftig spannender und lesbarer zu veröffentlichen.
EKD-Kulturbeauftragte: Platte Männerphantasie
Die Kulturbeauftragte der EKD, Petra Bahr, sagte, sie halte ein Verhältnis zwischen Jesus und Maria Magdalena für eine „platte Männerphantasie“. Gerade für das Bild der Frau im Christentum sei es wichtig, daß Maria Magdalena eine „selbständige Jüngerin“ gewesen sei. Der Dekan der Philosophischen Fakultät und Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität, Thomas Macho, nannte es erstaunlich, wie viele Bestsellerautoren der letzten Jahre immer wieder auf biblische Geschichten und Motive zurückgriffen. Aus seiner Sicht geben auch die rund 50 Millionen Leser des Buchs „Sakrileg“ keinen Anlaß zur Besorgnis für die Kirchen: „Wenn man mal überlegt, welche Fernsehsendungen von Millionen Menschen jeden Tag weltweit gesehen werden …“
17:38 Veröffentlicht in Sakrileg | Permalink | Kommentarstatus (3) | Per Email verschicken



Kommentarstatus
Daß ein derart fundamentaler Angriff auf die Vermittlung mit derart plumpen Mitteln funktionieren kann, weist darauf hin, wie groß die Gefahr massenhafter Verbreitung von Verschwörungstheorien derzeit ist. Daß vieles in Buch und Film keinen rechten Sinn ergibt, daß die Rätsel alle sehr ähnliche Lösungen haben, daß Opus Dei als Reaktion auf die einsetzende Flut von Drohungen und Verdächtigungen maximale Transparenz praktiziert - all das wirkt dank verschwörungstheoretischer Aufbereitung eher noch unterstützend.
http://myblog.de/classless/art/3692244
Veröffentlicht von: classless | 03.06.2006
Eine Erklärung, warum heute so viele Menschen an abstruse Verschwörungstheorien wie in Sakrileg glauben, hat der Philosoph Karl Popper schon 1963 geliefert: „Die Verschwörungstheorie der Gesellschaft ist nur eine Variante des Theismus, eines Glaubens an Götter, deren Launen und Willen alles beherrscht. Sie kommt davon, dass man Gott aufgibt und dann die Frage stellt: ›Wer nimmt seinen Platz ein?‹ Sein Platz wird dann besetzt durch verschiedene mächtige Menschen und Gruppen - durch finstere Interessengruppen, denen dann unterstellt wird, daß sie die große Depression geplant haben, und alle Übel, an denen wir leiden.«“
Quelle: Popper, Karl (1994): Versuch einer rationalen Theorie der Tradition. In: Ders.: Vermutungen und Widerlegungen. Band 1, Tübingen: J. C. B. Mohr, S.175–197. [Originalausgabe: 1963]
Veröffentlicht von: Tarsuin | 04.06.2006
Eine sehr interessante Diskussion! Danke!
Veröffentlicht von: Maria Magdalena | 04.06.2006
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